Start Welt- Wirtschaft Von der Finanzkrise in die 20:80-Gesellschaft: Brot und Tittytainment für den Rest
Von der Finanzkrise in die 20:80-Gesellschaft: Brot und Tittytainment für den Rest PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Ingo Nestler   
Donnerstag, den 22. April 2010 um 11:01 Uhr

Die Weltwirtschaft befindet sich im freien Fall – wie wird die Gesellschaft mit der zu erwartenden Massenarbeitslosigkeit umgehen? Als die Digitale Revolution und die Globalisierung in den 1990er Jahren ihren Siegeszug antraten, sagten Zukunftsforscher den Weg in eine 20:80 Gesellschaft voraus. Nur 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung würden im 21. Jahrhundert ausreichen, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. 80 Prozent der Bevölkerung wären demnach arbeitslos und müssten mit „Tittytainment“ bei Laune gehalten werden.

Da die Ursachen für diese Entwicklung weniger im globalen Handel, als vielmehr im technischen Fortschritt liegen, wird die kommende Weltwirtschaftskrise ein Beschleuniger für diese Entwicklung sein. Konzepte, wie unsere Gesellschaft mit der kommenden Massenarbeitslosigkeit umgehen soll, gibt es allerdings wenige und weder Politik noch Wirtschaft scheinen ein Interesse daran zu haben, sich den Fragen der Zukunft bereits jetzt zu stellen.

Werden wir in einer Gesellschaft mit Massenarmut und Chaos leben oder aber in einer Gesellschaft, in der sich die von der Arbeit befreiten Menschen individuell entfalten können? Die Weichen dafür müssen in den nächsten Jahren gestellt werden.

Die 20:80 Gesellschaft


Im September 1995 traf sich die globale Elite im noblen Fairmont Hotel in San Franzisco. Auf Einladung der Gorbatschow-Stiftung kamen 500 führende Politiker, Wirtschaftsführer und Wissenschaftler aller Kontinente zusammen, um über den „Weg ins 21. Jahrhundert“ zu diskutieren.

Hauptdiskussionsthema der Veranstaltung war die These, nach der im 21. Jahrhundert nur noch 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen würden, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten.

Als geistiger Vater der 20:80 Gesellschaft gilt der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin, der in seinem Buch „Das Ende der Arbeit" die Folgen des technischen Fortschritts analysierte und dabei zu dem Schluss kam, dass die Arbeit sich selbst abschafft. Die fortschreitende Rationalisierung der Prozesse im Produktions- und Dienstleistungsbereich und der weltweite Einsatz der Informationstechnologien führen laut Rifkin zu einem Produktivitätsschub, der viele Millionen Arbeitsplätze überflüssig macht. Die kapitalistische Logik, nach der technologischer Fortschritt und gesteigerte Produktivität zwar alte Jobs vernichten, dafür aber mindestens genauso viele neue schaffen würden, hält Rifkin für einen Trugschluss. Es sei keine Frage, ob die 20:80 Gesellschaft kommt, sondern wie wir damit umgehen, denn die Entwicklung sei unumkehrbar – langfristig wird die Arbeit verschwinden.

Arbeitsplatzkiller Fortschritt

In der vorindustriellen Zeit arbeiteten über 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Die Bruttowertschöpfung lag damals bei wenigen hundert Euro pro Kopf und Jahr. Mit dem technischen Fortschritt hat sich dies umgekehrt – heute sind rund 2,5 Prozent der Bevölkerung im Agrarsektor tätig, erzeugen dabei aber eine vergleichbare Menge an Produkten und erwirtschaften rund 15.000 Euro pro Kopf und Jahr.

Die gleiche Entwicklung findet seit längerem im industriellen Sektor statt. Vom Ende der industriellen Revolution bis in die 1970er Jahre waren zwischen 40 und 50 Prozent der Bevölkerung Deutschlands in der Güterproduktion tätig. Der Siegeszug der Produktivitätssteigerung durch moderne Technik ließ den Anteil der Beschäftigten seitdem stetig auf den heutigen Wert von rund 30 Prozent sinken. Dennoch steigerte sich von Jahr zu Jahr sowohl der Produktausstoß als auch die Wertschöpfung. Im produzierenden Sektor findet laut Rifkin momentan ein Wandel hin zu einem Markt statt, der zum allergrößten Teil ohne menschliche Arbeitskraft funktioniert. Er prognostiziert für die kommenden Jahrzehnte einen massiven Arbeitsplatzabbau in der Industrie, analog zu dem in der Landwirtschaft zu Beginn des letzten Jahrhunderts.

Über zwei Drittel aller deutschen Arbeitnehmer sind heute im Dienstleistungssektor beschäftigt, der mit über 72 Prozent auch den höchsten Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat. Die „dritte industrielle Revolution“, als die der Siegeszug der Informationstechnologie der letzten zwei Jahrzehnte auch bezeichnet wird, stellt jedoch auch hier die Weichen zu einem Wachstum des Umsatzes bei gleichzeitigem Rückgang des Faktors menschliche Arbeit.

Quelle und weiterlesen: nrhz.de

 

 

 
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