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Ein neues Sommermärchen ist möglich! Deutschlands Fußballer siegten im Auftaktspiel der WM überzeugend 4:0 gegen die Übermannschaft aus Australien. Viele fiebern und erwarten den ganz großen Wurf. Wir sind (vielleicht) endlich wieder wer.
Menschen, die mindestens zwei Jahre lang Fußbälle nicht mit dem Arsch angucken, dekorieren jetzt ihre Autos mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen und brüllen siegestrunken „Deutschland, Deutschland“. Unter anderem auch Menschen, die ständig gegen Staat und Regierung meckern; die immer wieder ein Haar in der Suppe finden; Menschen, die vielleicht aus Protest nicht mal wählen gehen. Die Nationalmannschaft vereint sie alle in einem kollektiven Freudentaumel.
So, wie 2006.
Erinnern wir uns noch mal: Deutschland siegte in seiner Hammergruppe gegen Weltklasse-Teams wie Ecuador, Costa Rica und Polen überzeugend und qualifizierte sich überragend fürs Achtelfinale. Danach drang man über die Stationen Schweden und Argentinien ins Halbfinale ein, wo man am späteren Weltmeister Italien scheiterte. Gegen Portugal wurde dann der dritte Platz gesichert. Ganz Deutschland war damals trunken vor Selbstwertgefühl und Nationalstolz; Klinsi ein Volksheld.
Aber was passierte eigentlich während der WM 2006?
Am 16.06.2006 stimmte der Bundesrat der Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent zu.
Am 20.6.2006 bezeichnete Frau Merkel Deutschland als einen Sanierungsfall.
Am selben Tag: Die Religionsfreiheit gibt Eltern nicht das Recht, ihre Kinder von der Schule fernzuhalten. Wer trotzdem die Schule boykottiert, kann nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts strafrechtlich verurteilt werden. Damit wird die Verfassungsbeschwerde eines Ehepaars aus Nordhessen abgewiesen, das aus Glaubensgründen drei schulpflichtige Töchter von der örtlichen Gesamtschule abgemeldet hatte.
Am 22.06.2006 verkündet die Allianz trotz gut laufender Geschäfte die Streichung von etwa 7.500 Stellen.
Am 23.06.2006: Nach viertägigen Beratungen beschließt der Deutsche Bundestag den Haushalt für 2006. Er sieht bei Gesamtausgaben von 261,6 Mrd. € eine Neuverschuldung in Höhe von 38 Mrd. € vor. Das ist die höchste Nettokreditaufnahme, die jemals in einem Haushaltsplan vorgesehen wurde. Zugleich verstößt Deutschland zum fünften Mal in Folge gegen die EU-Defizitgrenze und auch gegen die Verfassungsvorgabe, wonach die Neuverschuldung nicht höher sein darf als die Summe der Investitionen (23,2 Mrd. €).
28.06.2006: Das Bundeskabinett einigt sich auf den weiteren Handel mit Emissionszertifikaten. Demnach soll der Industrie künftig pro Jahr der Ausstoß von 482 Millionen Tonnen Kohlendioxid erlaubt sein. Die nötigen Emissionszertifikate erhalten die Unternehmen und die Stromkonzerne kostenlos.
Gleicher Tag: Hamburg beschließt als fünftes Bundesland Studiengebühren.
29.06.2006: Der Bundestag beschließt mit den Stimmen der Großen Koalition u. a. Einschnitte bei der Pendlerpauschale und beim Sparerfreibetrag sowie Einführung der sog. Reichensteuer für Spitzenverdiener.
30.06.2006: Zwei-Drittel-Mehrheit für die Föderalismus-Reform.
Das war nur ein kurzer Exkurs in die Aktivitäten während des deutschen Sommermärchens 2006. Jetzt ist wieder WM und unsere Fußballer sind gut gestartet. Hoffentlich erwachen wir nicht aus dem WM-Traum und fallen gleich in ein Trauma. Erste Dinge gibt es schon wieder zu notieren, welche, gedeckt von Euphorie und Siegestaumel, keine gute Richtung erahnen lassen.
Ein erster Punkt ist das Sparpaket. Muss man nichts drüber sagen…
Zum Zweiten forcieren Merkel und Sarkozy jetzt vehement die Europäische Wirtschaftsregierung. Ebenso selbstredend…
Drittens stehen zurzeit einige Krankenkassen vor der Pleite.
Der Krieg gegen den Iran wirft ebenso seine Schatten voraus.
Und zum Fünften: Spanien soll so schlecht wie Griechenland da stehen.
Spritpreis- und Mehrwertsteuererhöhung sind da noch gar nicht beachtet, liegen aber im großen Bereich der Wahrscheinlichkeit.
Alles in allem wird sich auch während dieser WM die Welt weiter drehen, völlig unbeobachtet von den Fahnenschwingenden und seeligen Fußball-Deutschen. Doch leider nicht zum Vorteil der Fußballfans…
Aber das werden wir alle sehr unsanft spüren, wenn der Ball in Südafrika nicht mehr rollt und sich Fußball-Deutschland trotz zweitem oder viertem oder sechstem Platz als Weltherrscher fühlt.
Schlimm ist nur, dass es eigentlich jeder wissen müsste: panem et circenses!
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